
Achtzig Jahre – so lange dauerte es, bis das Städtchen Salò am Gardasee dem faschistischen Diktator die Ehrenbürgerschaft entzog. Möglich wurde dies, weil im Gemeinderat von Salò neuerdings ein Mitte-links-Bündnis an der Macht ist. Zuvor hatten rechte Parteien eine Annullierung der Ehrenbürgerschaft verhindert.
Im Jahr 1922, zwei Jahre nach der faschistischen Machtergreifung in Italien, hatte das malerische Salò den Faschistenführer mit der Ehrenbürgschaft geehrt – so wie Hunderte andere Gemeinden und Städte in Italien.
Im Sommer 1943 rückten Amerikaner und Briten von Sizilien her nach Norden vor. Das faschistische Mussolini-Italien stand vor dem Zusammenbruch und zog die Notbremse. Im Juli 1943 wurde Mussolini auf Befehl von König Viktor Emanuel III. gestürzt. Sicherheitskräfte brachten ihn in ein Hotel auf den Gran Sasso in den Abruzzen, wo er unter Hausarrest gestellt wurde. Den Deutschen gelang es am 12. September 1943, den Diktator in einer Blitzaktion zu befreien.
Hitlers Pudel
Nun machte ihn Hitler in Norditalien, das noch nicht von den Alliierten besetzt war, zum Staatsoberhaupt und Regierungschef der faschistischen «Italienischen Sozialrepublik» (Repubblica Sociale Italiana, kurz RSI).
Das Gebiet, ein Marionettengebilde der Nazis, umfasste fast ganz Norditalien. Die «Republik Salò» wurde zum Rückzugsgebiet der übriggebliebenen Faschisten. Mussolini war endgültig zu Hitlers Pudel geworden. Hauptsitz der Regierung – und damit Hauptstadt der faschistischen Sozialrepublik – war Salò.
Im Juli 1944 besuchte Mussolini das Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreussen. Hier, kurz zuvor, am 20. Juli, hatte Graf Stauffenberg ein Attentat auf Hitler verübt.
Hitler wurde bei dem Attentat nur leicht am Arm verletzt. Nachdem Mussolini vom Führer Instruktionen eingeholt hatte, machte er sich per Zug wieder auf den Weg nach Salò. Auf dem Bahnhof reichte ihm Hitler die linke, nicht verletzte Hand.
Als sich der Krieg dem Ende näherte und die Lage für Mussolini hoffnungslos wurde, machte er sich auf den Weg zur Flucht in die Schweiz. Begleitet wurde er von seiner Geliebten Clara Petacci. Doch die beiden kamen nicht weit. Beim Dorf San Giulino di Mezzegra am Comersee wurden sie am 28. April 1945 von kommunistischen Partisanen aufgegriffen und hingerichtet. Beide Leichen wurden später an einer Tankstelle auf der Piazzale Loreto in Mailand – Kopf unten – aufgehängt.
Obwohl immer mehr über die Schreckensherrschaft Mussolinis bekannt wurde, weigerte sich der Gemeinderat von Salò achtzig Jahre lang, seine Ehrenbürgerschaft zu wiederrufen. Dies, obwohl bewiesen ist, dass er Millionen ins Elend und Hunderttausende in den Tod getrieben hat.
«Mussolini war ein guter Politiker, der alles für Italien getan hat»
Doch Salò war keine Ausnahme. Gemäss italienischen Medienberichten wurde Mussolini in den 20er, 30er und 40er Jahren in hunderten Städtchen und Städten zum Ehrenbürger erkoren. Linke und liberale Bürgerbewegungen hatten nach dem Krieg begonnen, seine Ehrenbürgerschaften zu annullieren. Doch rechte Kräfte (z. B. auch Berlusconi) kämpften dafür, dass der Duce weiterhin «Cittadino onorario» bleibt. Wie viele Gemeinden heute noch Mussolini als Ehrenbürger führen, ist nicht bekannt.
Italien tut sich noch immer schwer mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Noch heute wird der «Duce» vielerorts nicht angetastet. Im Emblem von Giorgia Melonis Regierungspartei, den «Fratelli d’Italia», lodert noch immer die faschistische Flamme. Meloni hat sich bisher zwar vom Faschismus distanziert, allerdings nicht besonders vehement. Sie will die alten und neuen Faschisten als Wählerinnen und Wähler bei der Stange halten. Als Teenager hatte sie einmal dem französischen Fernsehen gesagt: «Mussolini war ein guter Politiker, der alles für Italien getan hat.» Solche Bekenntnisse hört man auch heute noch von vielen Menschen in Italien – und nicht nur von Rechtsextremen. Der dritthöchste Mann im Staat, Senatspräsident Ignazio La Russa, hat bei sich zu Hause mehrere Mussolini-Statuen aufgestellt – und ist stolz darauf.
Buhrufe vor dem Ratshaus
Letzte Woche nun hatte Tiberio Evoli, ein Gemeinderat von Salò, den Antrag eingebracht, Mussolinis Ehrenbürgerschaft zu annullieren. Evoli gehört der Mitte-Links-Fraktion an und wurde vom 29-jährigen Bürgermeister Francesco Cagni unterstützt. 12 Mitglieder des Gemeinderates von Salò stimmten schliesslich für die Annullierung, 3 dagegen und einer enthielt sich der Stimme.
Vor fünf Jahren war das noch anders. Damals hatten die Mitte-rechts-Parteien im Rat eine 14:3-Mehrheit. Sie lehnten im Februar 2020 den Antrag ab, Mussolini das Ehrenbürgerrecht zu entziehen. Als jetzt, am vergangenen Mittwoch, bekannt wurde, dass Mussolini die Ehrenbürgerschaft endlich entzogen wurde, ertönten ausserhalb des Rathauses laute Buhrufe und neofaschistische Parolen.
Ein wichtiges Zeichen
Der jetzige Schritt des Städtchens Salò mag nur ein kleiner Schritt sein. Doch da Salò die letzte Mussolini-Hochburg war, hat der Entscheid enorme symbolische Bedeutung. Viele Italienerinnen und Italiener hoffen, dass er ein wichtiges Zeichen setzt und Einfluss auf andere Gemeinden haben könnte.
Noch heute ist Salò nicht ganz Faschismus-frei. Immer wieder tauchen Spruchbänder auf, die die Sozialrepublik Salò loben. Die Polizei ist es dann, die diese Transparente schleunigst entfernt. Laut Medienberichten fand 2022, zur Feier des faschistischen «Marsches auf Rom», in einer Pizzeria in Salò ein Abendessen für 400 Alt- und Neo-Faschisten statt.
Gräueltaten im Inland und in den Kolonien
Aus Anlass der Aberkennung von Mussolinis Ehrenbürgerschaft in Salò listet der italienische Schriftsteller und Journalist Marco Brando in einem Artikel in der Zeitung «Il Fatto Quotidiano» einige seiner Gräueltaten auf. Dabei geht es einerseits um die etwa 400’000 Opfer, die der italienische Faschismus in Italien gefordert hat. Juden wurden vertrieben, beraubt und getötet. 9’000 wurden in deutsche Konzentrationslager verfrachtet. Brando erinnert an die zwölf Rassengesetze. Sinti und Roma wurden buchstäblich «eliminiert». Zehntausende Partisanen wurden hingerichtet. Tausende Oppositionelle wurden von Sondertribunalen verurteilt, erschossen oder deportiert.
Doch Marco Brando betont, dass die Faschisten auch im Ausland wüteten, was in Italien noch immer wenig erwähnt wird. 80’000 Libyer wurden mit ihren Familien in die Wüsten der Cyrenaika getrieben, wo die meisten verendeten. 700’000 Abessinier wurden vergast; Zehntausende Griechen (Soldaten und Zivilisten) wurden während der gescheiterten Invasion Griechenlands getötet. Tausende und Abertausende starben in Konzentrationslagern. Auch auf dem Balkan wüteten die Mussolini-Schergen. «Nein», es stimme nicht, schreibt Brando, dass der Duce «auch Gutes getan hat», wie in nostalgischer Verklärung noch immer schrecklich viele Menschen in Italien glauben.
Sich bei den Opfern entschuldigen
Die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Mussolinis in Salò sei somit «ein wichtiger Schritt auf dem Weg Italiens zur Versöhnung mit seiner Vergangenheit». Vielleicht könne jetzt eine nationale Debatte über die Erinnerung an den Faschismus angestossen werden.
«Unser Land sollte endlich den Mut und das staatsbürgerliche und historische Bewusstsein aufbringen, sich öffentlich bei allen Opfern der zwanzigjährigen faschistischen Herrschaft in den ehemaligen afrikanischen Kolonien und den besetzten Gebieten, angefangen beim Balkan, zu entschuldigen. Kurz gesagt, es wäre Zeit, um ihnen zu gedenken.» Brando schlägt die Einführung eines «Gedenktages für die nichtitalienischen Opfer der faschistischen Herrschaft» vor.
Doch Marco Brando räumt ein, dass dies nur Wunschdenken ist. Illusionen hat er keine. «Sicherlich ist es in diesen Zeiten, die von nostalgischem Neonationalismus geprägt sind, schwer vorstellbar, dass es den politischen Willen geben könnte, ein solches Ergebnis zu erzielen.»
(PS: Die Universität Lausanne hat die Ehrendoktorwürde, mit der sie Mussolini 1937 ehrte, noch immer nicht annulliert.)