
Was auf einen ersten Blick besticht, liefert bei näherer Betrachtung Diskussionsstoff. Es geht um die dem Delsberger Künstler Niklaus Manuel Güdel gewidmete Monografie "The Memory of Silence". Sie erschien kürzlich im renommierten Hatje Cantz Verlag, ist dreisprachig - englisch, französisch, deutsch - und bietet eine Fülle erläuternder Expertentexte und farbiger Abbildungen. Hinter dem aufwändig edierten Werk steht u. a. "la République et le Canton du Jura". Für die Präsentation bat das "Musée Jurassien d'Art et d'Histoire" zu einer Medienkonferenz samt "séance de dédicaces". So weit, so gut.
Förderung mit Seltenheitswert
Eine üppige, von offizieller Seite geförderte und von einem Museum propagierte Monografie ist für jeden Künstler eine Seltenheit und steigert das Ansehen, die Bekanntheit und die Chance des leichteren Wegs zu Museen und Galerien.
Das alles wäre Anlass, von einem nachahmenswerten Beispiel fürs willensstark koordinierte Kunstengagement zu sprechen. Zumal Format und Gewicht der Publikation keinen Zweifel gestatten, dass es sich um eine kreative Persönlichkeit von Format und Gewicht handelt.
Beachtliche Karriere
Leider irritiert der Auftritt. Der Künstler, als schweizerisch-costa-ricanischer Doppelbürger in Delsberg geboren, studierte mit universitärem Abschluss Französische Literatur und Kunstgeschichte, stellte in der Romandie und im Bernbiet einige Mal aus, gewann in Spanien einen Preis und weiss sich in einigen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten.
Das ist eine beachtliche, doch keine ungewöhnliche Künstler-Biografie. Auch deshalb, weil die Werke mit ihrer Gefälligkeit zwar in die Augen springen, aber das Steigerungspotenzial hin zur einzigartigen Qualität noch verbergen. Das ist bei einem erst 27jährigen Künstler keine schmälernde Bemerkung.
Höhe als Fallhöhe
Ob sich aber bei einem Frühwerk eine Publikation rechtfertigt, die einem herausragenden Spätwerk zur Ehre gereichen würde, ist eine berechtigte Frage. Die Problematik bringt die Kunsthistorikerin Diane Antille im Buch auf den Punkt: "Über ein in Entstehung begriffenes, sich subtil Freiheiten nehmendes Werk zu sprechen, das sich erst noch bewähren muss, ist kein einfaches Unterfangen. Die Gefahr der 'hagiografischen Klippe' - das naheliegende Risiko, eine Heiligenvita daraus zu machen - kann dazu führen, dass man das Werk steril interpretiert."
Das ist höflich gesagt. "The Memory of Silence" kracht in der Tat gegen die "'hagiografische Klippe* und gefährdet einen Künstler. Er beansprucht eine Höhe, die sich als Fallhöhe rächen könnte. Der forsche Sturm auf den Kunstmarkt nutzt dessen Schwäche, mehr dem Schein als dem Sein zu vertrauen.
Marketing-Kollektiv
Die hier erörterte Monografie zeigt anschaulich, wie sich Kunsthistoriker, Kunstkritiker und Museumsdirektoren als Marketing-Kollektiv ins Zeug legen, als wäre dies die vornehmste Schuldigkeit gegenüber einer kunstinteressierten Öffentlichkeit, die zwischen den Superlativen der Agenten und Galerien mühsam genug nach verlässlicher Orientierung sucht.
An der publizistisch opulenten Frühförderung beteiligten sich finanziell namhafte Institutionen wie die Loterie Romande, die Pro Helvetia und die Ernst-Göhner-Stiftung. Das dürfte bei anderen jungen Künstlerinnen und Künstlern den Anspruch auf Gleichbehandlung wecken. Wenn aber Prachtbände wie Studiendiplome zur Startausrüstung gehören, dann verlören sie ihren Anerkennung stiftenden Wert und rissen Löcher in die Unterstützungskassen.
Trend zu blendenden Events
Das berührt jene wenig, die sich als reife Wunderkinder mit enormen Steigerungsfähigkeiten auszuweisen verstehen, welche Selbstvermarktungs-Strategie an den Kunsthochschulen ja vermittelt wird.
Berühren müsste es indes die bedeutenden Förderinstitutionen und sie für die Frage sensibilisieren, ob sie den Trend des Kunstschaffens zu blendenden Events beschleunigen oder sich davon, wenn er nicht zu stoppen ist, fernhalten wollen.
Niklaus Manuel Güdel nutzte für sich die Gunst der Umstände. Unternehmerischer Mut zeichnet ihn aus. Das Risiko trägt er letztlich alleine. Mit der nachhaltigen Solidarität seiner Förderer kann er nicht rechnen.
"Niklaus Manuel Güdel - The Memory of Silence", mehrere Autoren, 178 Abbildungen, 244 Seiten, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-4012-8