
Selenskyj wurde beim Besuch im Weissen Haus von Trump und Vance in die Falle gelockt. Der Eklat war von amerikanischer Seite vorbereitet. Der Verlauf der Begegnung lässt keinen anderen Schluss zu. Die Folgen für die Ukraine und Europa sind dramatisch.
Wer sich die Mühe macht, die ganze, fünfzig Minuten dauernde Aufzeichnung der verhängnisvollen Begegnung zwischen dem amerikanischen Präsidenten Trump und Wolodimir Selenskyj zwei oder drei Mal anzuschauen, kommt nicht um den Verdacht herum: Da wurde dem ukrainischen Präsidenten bewusst eine Falle gestellt.
Dafür spricht schon die Vorgeschichte des Treffens: Trump sagte, recht salopp, wenn Selenskyj kommen wolle, könne er das tun – von einer formellen Einladung, wie sonst üblich, keine Rede. Dann der Rahmen: Üblicherweise treffen sich zwei Staatspräsidenten vor zig Medienvertretern inklusive TV-Kameras für wichtige Gespräche erst einmal pro forma. Sie begrüssen sich und äussern ein paar eher unverbindliche Worte. Dann hat die durch die Journalisten vertretene Öffentlichkeit zu verschwinden, und erst nach einer Einigung auf höchster Ebene wird im Detail informiert.
Dieses Mal war es anders: Da waren Trump, sein Vize J. D. Vance, Aussenminister Rubio und deren Stabschefs schon von Anfang an in Bereitschaftsstellung. Die Kameras und die Vertreter/innen der schreibenden Medien waren präsent – und los ging’s. Erst gab es einige lobende Worte von Donald Trump betreffend die Professionalität ukrainischer Offiziere und Soldaten, auch ein paar salbungsvolle Äusserungen Donald Trumps für Selenskyj – aber das Verhängnis war schon bald, etwa ab der zwanzigsten Minute, erkennbar.
Raffiniert wurde Selenskyj zu Sätzen provoziert des Inhalts, man dürfe nicht vergessen, wer der Aggressor in diesem Konflikt sei, nämlich Russlands Präsident Wladimir Putin – und schon griff Vize J. D. Vance ein und fragte Selenskiy, ob er überhaupt jemals Dankbarkeit für die Vereinigten Staaten und deren gewaltige Hilfe in diesem Konflikt empfunden und sich dann auch entsprechend geäussert habe. Klar, das habe er, antwortete Selenskyj – noch offenkundig ahnungslos, dass er da in eine Falle trat. Vance bestand darauf: Man dürfe den Konflikt nicht einseitig betrachten, und unterstellte damit, dass die Ukraine ebenso verantwortlich gemacht werden müsse wie Russland.
Und schon tappte Selenskyj in die nächste Falle und begann damit, die Fakten aufzuzählen. Dann eskalierte die Begegnung. Trump und Vance warfen dem ukrainischen Gast vor, er wolle den Krieg verlängern, ja, er habe ja überhaupt nie Interesse gezeigt, den Konflikt durch Verhandlungen zu beenden. Schnell kam es zum totalen Bruch, und Donald Trump warf Selenskyj live vor der Medienöffentlichkeit förmlich raus aus dem Weissen Haus.
Was bedeutet diese offenkundig inszenierte Manipulation für den weiteren Verlauf des Kriegs, was für die Ukraine und für Europa?
Erstens: Trumps Priorität ist es, einen «Deal» mit Wladimir Putin zu schliessen, egal, was die Folgen sind. Jetzt, nach dem Eklat, wird er sich wohl darauf berufen, dass er dem ukrainischen Präsidenten den Puls gefühlt und erkannt habe, dass dieser keinen Frieden wolle – also müsse jetzt er höchstpersönlich aktiv werden.
Zweitens: Die Ukraine ist aus der Sicht des Herrschers im Weissen Haus bestenfalls eine untergeordnete Verhandlungsmasse. Sie ist allenfalls interessant als eine Region, in der man Bodenschätze fördern könnte, mehr nicht. Was die Menschen in der Ukraine wollen, welches ihre Werte sind: für Trump uninteressant.
Drittens: Europa, als die Nachbarregion der Ukraine und Russlands, ist Quantité négligeable, für Trump vor allem lästig. Lästig, weil dieses Europa mit der Europäischen Union zu kompliziert, zu «bürokratisch» und nicht bereit ist, rechtspopulistische Strömungen wie die deutsche AfD als mit demokratischen Werten vereinbar anzuerkennen.
Und was folgt für Europa aus diesem Debakel? Die ersten Reaktionen europäischer Politiker waren eindeutig: eine klare Verurteilung der Taktik von Donald Trump und dessen Entourage sowie eine deutliche Solidarisierung mit Wolodimir Selenskyj. Sogar Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter erklärte, die Schweiz betrachte Russland als Aggressor, nahm also zumindest indirekt Partei für den ukrainischen Präsidenten. Und die Aussenbeauftragte der europäischen Union, Kaja Kallas, erklärte: «Die freie Welt braucht einen neuen Anführer.»
Ja, gewiss. Fragt sich nur, ob die Spitzenpolitikerinnen und -politiker der 27 EU-Länder sich auf einen für alle zuständigen Anführer werden einigen können.