Klingelt es, werden jedes Gespräch und jede Tätigkeit schlagartig unterbrochen. Sofort steht das Telefon so im Mittelpunkt wie ein schreiendes Kleinkind. Und der Anrufer hat absolute Priorität. Wenn man von jemandem etwas will, ist man immer besser beraten, anzurufen, als persönlich zu erscheinen. Als Anrufer ist man immer im Vorteil.
Und es soll Leute geben, die stundenlang am Stück telefonieren. Überhaupt scheint es für viele wesentlich angenehmer zu sein, Gespräche am Telefon zu führen, anstatt seinem Gesprächspartner gegenüber zu sitzen. Psychologen haben sich darüber einige Gedanken gemacht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es entlastend sein kann, wenn man bei einem Gespräch sein Gegenüber nicht unmittelbar sieht. Die Gespräche werden dann umso vertraulicher.
Philosophisch liesse sich also sagen, dass Distanz eine Nähe schafft, die die unmittelbare Nähe nicht zulässt. Offenbar können wir uns der Sprache dann am besten bedienen, wenn andere Wahrnehmungskanäle eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Das ist ein schöner Gedanke, der Dichter und Denker ganz besonders erfreuen wird. Wenn uns das Telefon aber wieder einmal mit seinem Schrillen aus unseren Gedanken reisst oder ein Gespräch unterbricht, dann teilt uns dieses Medium seine andere Botschaft mit: „Was auch immer du tust, es ist so belanglos, dass ich es jederzeit unterbrechen kann.“