
Wahlen in Grönland? Das hätte bis vor nicht allzu langer Zeit wohl kaum einen internationalen Journalisten oder politischen Beobachter hinter dem Ofen hervorgelockt. Doch seit Donald Trump unverhohlen Anspruch auf die einstige Kolonie und heute selbstverwaltete Region des dänischen Königreichs erhoben hat, steht Grönland mitten in der weltpolitischen Aktualität.
Wenn die Wahlberechtigten in Grönland am 11. März über die neue Zusammensetzung ihres Inatsisartut (Parlament) befinden, wird der riesigen Gletscherinsel globale Aufmerksamkeit gewiss sein. Denn im weiteren Zusammenhang geht es um mehr als ein zwei Millionen Quadratkilometer grosses Territorium mit einer spärlichen Bevölkerung von gut 57’000 Menschen. Das übergreifende Thema ist vielmehr das sich intensivierende Ringen um die gesamte Arktis, die seit der Jahrtausendwende von einer eisigen Einöde zur geopolitischen Arena geworden ist. Geführt wird die Auseinandersetzung von den USA, Russland und China, und zwar in zunehmendem Mass als Kampf um Einflusssphären.
Wer was will
Worin aber liegt die Bedeutung Grönlands für diese drei globalen Mächte? Chinas Interesse gilt den enormen Lagerstätten von strategischen Rohstoffen, etwa Seltenerdmetallen. Der Klimawandel in der Arktis verbessert nicht nur deren Zugänglichkeit, sondern auch den Abtransport. Zugriff auf grönländische Vorkommen könnte Chinas schon bestehende Dominanz bei Abbau und vor allem Verarbeitung strategischer Rohstoffe weiter stärken. Das hat eine wirtschaftliche Komponente, aber auch eine politische: Je abhängiger der Rest der Welt von in China verarbeiteten Produkten ist, desto mehr kann Peking bestimmen, wer sie bekommt und zu welchen Konditionen. Und wer sie nicht bekommt – ein geopolitischer Gegenspieler zum Beispiel.
Als Trump während seiner ersten Amtszeit erstmals den Gedanken äusserte, Grönland kaufen zu wollen (und zu seinem Missvergnügen bei Dänemark damit umgehend abblitzte), sollen gerade die Seltenerdmetalle eine wichtige Rolle gespielt haben. Um sich Zugang zu diesen zu sichern, müssen die USA Grönland allerdings nicht besitzen. Direkte Kontrolle würde es indes erleichtern, das zurzeit bestehende Verbot der Uranförderung auf Grönland umzustossen. Dieses hat eines der Seltenerd-Megaprojekte im Süden der Insel zum Stillstand gebracht. Noch wichtiger als der Zugang zu den Erzen wäre für die USA – wie übrigens auch die EU – jedoch der Aufbau von eigenen Verarbeitungskapazitäten. Hier bestehen gravierende Defizite. Denn wenn Erzkonzentrat zuerst nach China zur Raffinierung muss, ändert sich wenig an Pekings Machtposition.
Zweierlei Perspektiven
Für die USA ist Grönland neben dem Rohstoffreichtum auch verteidigungspolitisch bedeutsam. Die Nordamerika vorgelagerte Insel würde von Raketen aus dem Osten überflogen, wenn diese auf dem kürzesten Weg die USA erreichen sollten. Doch auch hier gilt, dass Washington nicht auf den eigentlichen Besitz Grönlands angewiesen ist. Seit dem Kalten Krieg unterhalten die USA im Norden Grönlands die Thule Air Base (unlängst umbenannt in Pituffik Space Base), einen wichtigen Baustein in der Kette von Raketen-Frühwarnstationen. Mit Dänemark besteht seit 1951 ein bilaterales Verteidigungsabkommen, auf dessen Grundlage die Luftwaffenbasis betrieben wird. Erst vor gut einem Jahr wurde dieses erneuert und vertieft. Dass die USA nun Dänemark verklausuliert auch mit brachialen Methoden drohen, um sich Grönlands zu bemächtigen, sendet ein zwiespältiges Signal an Kopenhagen, aber auch an Nuuk, wenn es um Vertrauenswürdigkeit und Intentionen Amerikas geht.
Russlands Blick auf Grönland ist ebenfalls sicherheitspolitisch geprägt. Grönland liegt am westlichen Rand der Norwegischen See, die russische Schiffe durchqueren müssen, wenn sie in den westlichen Nordatlantik vorstossen wollen. In Murmansk an der Eismeerküste ist die russische Nordflotte stationiert, die ein Schwergewicht der atomaren Zweitschlagskapazität des Kremls darstellt. In der Nordmeer-Region hat Russland in den letzten Jahren allgemein beträchtlich aufgerüstet.
Abhängig von dänischen Subventionen
Und wo bleibt Grönland in dieser Gemengelage? Es strebt die Unabhängigkeit von Dänemark an – ein Prozess, der sich seit dem Regierungswechsel nach den Wahlen von 2021 politisch akzentuiert, wenn auch noch nicht wirklich beschleunigt hat. Denn die wichtigste Frage ist nach wie vor unbeantwortet: Mit einer Wirtschaft, die etwa so gross ist wie die Andorras und für deren Entwicklung grosse strukturelle Hürden bestehen, reicht das Geld nicht für die Eigenständigkeit. So ist man vorläufig abhängig von der dänischen «Blocksubvention», die rund die Hälfte der öffentlichen Finanzen ausmacht. Wohlstandsverlust ist die Bevölkerung laut Umfragen zu breiten Teilen nicht bereit hinzunehmen für die Unabhängigkeit. Das schränkt die Optionen der Politik deutlich ein.
Das plötzliche Interesse der USA für Grönland schien in dieser Hinsicht zunächst ein Hoffnungsschimmer für mehr Verhandlungsmacht bei der Gestaltung des Übergangs zur Unabhängigkeit zu sein. Doch Trumps Vorstoss erwies sich sehr rasch als offen kolonialistisch im Geist. Ein neuer Kolonialherr ist jedoch genau nicht das, was man sich im Regierungsviertel in Nuuk wünscht. Die Frage, wo man das Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen solle, ist für die grönländische Wählerschaft gerade nochmals ein bisschen komplizierter geworden.