
Wenn in Berlin die möglichen Koalitionspartner CDU/CSU und SPD zu ihrem ersten offiziellen Gespräch zusammentreten, dann ist ein ganz wichtiger Mann auch dabei: Boris Pistorius, der deutsche Verteidigungsminister. Ihn hat die Fotografin und Journalistin Herlinde Koelbl über eine längere Zeit mit Kamera und Aufnahmegerät verfolgt – und jetzt ein interessantes Buch daraus gemacht.
Er hat das Wort «Kriegstüchtigkeit» in die Welt gesetzt, und damit auch manche in der eigenen Partei düpiert. Denn wenn ein der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) angehörender Verteidigungsminister wie dieser Boris Pistorius davon spricht, Deutschland müsse kriegstüchtig werden, dann bricht er mit einer pazifistischen Tradition, die gerade in der SPD noch sehr stark ist. Andererseits: Wir leben in einer anderen Zeit, seit Russland die Ukraine angegriffen hat. Der neue amerikanische Präsident mag etwas anderes glauben und dem Kreml-Herrscher Wladimir Putin vertrauen; wer klug ist, tut das nicht mehr.
Eine übergrosse Aufgabe
Boris Pistorius aber ist klug, er hat einen scharfen analytischen Verstand. Und er ist gerade wegen seiner klaren Worte auch sehr populär. So populär, dass während des Wahlkampfs aus den Reihen seiner Partei ernsthaft gefordert wurde, man solle doch ihn zum Spitzenkandidaten machen und nicht den glücklosen Noch-Bundeskanzler Olaf Scholz. Das ist nun vorbei, die SPD ist in der Wählergunst ordentlich geschrumpft – von 25,7 auf 16,4 Prozent. Und Boris Pistorius wird wohl in einer neuen Koalitionsregierung mit der siegreichen CDU/CSU eine wichtige Rolle spielen. So dass das gerade erschienene Buch «Boris Pistorius. Aufbruch – im Gespräch mit Herlinde Koelbl» auf offene Augen und Ohren stossen dürfte.
Herlinde Koelbl hat Pistorius mit Kamera und Aufnahmegerät über eine längere Zeit verfolgt. Er steht in einer langen Reihe von Politikerinnen und Politikern, denen sie sich seit dem Fall der Mauer zugewandt hat. Sie wollte wissen, was die Mächtigen mit der Macht anstellen. Und umgekehrt: wie die Macht einen Politiker, eine Politikerin verändert. Boris Pistorius sei ihr durch sein Auftreten aufgefallen, schreibt sie im Vorwort. «Die präzise Sprache. Seine sachlichen Statements. Politik ist zum Grossteil Kommunikation. Aber nicht allein Worte sind wichtig, vor allem auch die Körpersprache offenbart, wer wir sind. Mich faszinierte die Vitalität, die Pistorius im Körper hat, die ihn grösser wirken lässt, als er ist.»
Gross ist auch die Aufgabe, die Boris Pistorius im Januar 2023 als Nachfolger der glücklosen Christine Lambrecht angetreten hat. Jetzt geht es nicht mehr darum, wie seine Vorgänger und Vorgängerinnen den «Mangel zu verwalten», wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in einem Vorwort zur veränderten strategischen Lage schreibt. Er muss zum Waffenbeschaffungsminister werden. Er muss mithelfen, die Ukraine zu stützen. Und er muss angesichts eines absehbaren Ausfalls der USA als Verbündetem mithelfen, die führenden westeuropäischen Nato-Staaten zusammenzuhalten. Denn, so Münkler: «Die Europäer mussten sich perspektivisch darauf einstellen, aus eigener Kraft gegen Russland widerstandsfähig zu sein.»
Boris Pistorius: der Familienmensch …
Das bedeutet: Viel Arbeit, viele Reisen, viele Gespräche. Auf einigen Reisen hat Herlinde Koelbl ihn begleitet. Vom Januar 2024 an hat sie acht Gespräche mit Boris Pistorius geführt, ausserdem eines mit seiner Frau, der Politikwissenschaftlerin Julia Pistorius. Als Abschluss des Buches hat die Politikwissenschaftlerin Claudia Major Gedanken dazu beigefügt, wie Deutschland «resilient, kriegstüchtig und konfliktfähig» werden könnte.
Doch wer ist dieser Boris Pistorius? Zuallererst wohl ein Familienmensch, sagt der in wenigen Tagen 65-Jährige. In seiner Heimatstadt Osnabrück ist er als der mittlere von drei Brüdern in einem sehr politischen Elternhaus aufgewachsen, und hat, wie er sagt, «früh gelernt, Dinge offen anzusprechen, dabei mein Gegenüber zu respektieren und gleichzeitig meine eigene Position zu vertreten». Zuverlässigkeit sei ihm wichtig, ausserdem schätze er Pünktlichkeit. Und: «Manchmal bin ich auch ungeduldig, vielleicht sogar impulsiv, sodass ich für meine Mitmenschen damit durchaus auch anstrengend sein kann.»
Geprägt haben ihn die Eltern. Sie haben Boris Pistorius dazu erzogen, «selbstbewusst zu sein, aber auch an meinen Schwächen zu arbeiten». Sie haben «immer gepredigt und vorgelebt, keine Ellenbogentypen zu werden. Wir sollten uns durchsetzen, ohne unfair zu sein». Denn, wie ihm am Beginn seiner politischen Laufbahn eine Vorgesetzte als Ratschlag mit auf den Weg gab: «Den meisten Menschen begegnet man in seinem Leben zweimal, einmal auf dem Weg nach oben und einmal auf dem nach unten.» Und «geerdet» habe ihn schliesslich seine erste, 2015 verstorbene Frau Sabine, «geerdet» hätten ihn die beiden Töchter, und die Brüder.
… und der Teammensch
Im Beruf legt Boris Pistorius Wert auf Teamarbeit. Auch wenn er zügig entscheide, sei es ihm wichtig, viele Meinungen einzuholen, sagt er. Im Verteidigungsministerium hätten sich anfangs Mitarbeiter nicht getraut, offen ihre Meinung zu sagen. Genau dies aber sei wichtig für ihn, schon immer gewesen. Pistorius erzählt eine Geschichte aus seiner Zeit als Oberbürgermeister von Osnabrück. Da habe er einmal einen Mitarbeiter zurückgehalten und ihm gesagt: «Du wirst auch bezahlt zu widersprechen und ehrlich deine Meinung zu sagen.»
Was in solchen Schilderungen auch zum Ausdruck kommt: Boris Pistorius mag Menschen, und er hat das früh gelernt. «Ich habe mit 16 im Sommer Linienbusse sauber gemacht und im Winter beim Streudienst mitgearbeitet. Als Student bin ich morgens um sechs mit portugiesischen und türkischen Putzfrauen im Kaufhaus angetreten. Das sind Erfahrungen, die lehren, mit sehr unterschiedlichen Menschen umzugehen.»
Boris Pistorius. Aufbruch – Im Gespräch mit Herlinde Koelbl. Knesebeck-Verlag, München 2025, 160 Seiten