
Die Ereignisse in der Ukraine und die russisch-finnischen Spannungen erinnern an den finnisch-sowjetischen Winterkrieg. Es gibt frappante Parallelen. Zumindest am Anfang.
Die Sowjets griffen an und wurden zurückgeschlagen. Wie jetzt in der Ukraine.
Die sowjetische Armee befand sich in einem desolaten Zustand, wie jetzt in der Ukraine.
Der Westen lieferte den Finnen tonnenweise Waffen. Wie jetzt in der Ukraine.
Die sowjetische Armee musste sich grundlegend umorganisieren, wie jetzt die russische.
Die Sowjetunion verlangte im Herbst 1939 von Finnland die Annexion von Karelien, ein Gebiet im Südosten Finnlands. Begründet wurde der Anspruch mit «sowjetischen Sicherheitsinteressen». Stalin sagte, die Sowjetunion brauche ein Hinterland, um Leningrad zu schützen. Finnland lehnte ab.
Dutzende Parallelen
Der finnische Nachrichtendienst ging davon aus, dass die Sowjets keinen Angriff auf Finnland starten würden. Auch bis zum 24. Februar 2022 glaubten die meisten westlichen Nachrichtendienste, dass Russland die Ukraine nicht überfallen würde (einzig Joe Biden prophezeite eine Invasion).
Am 3. November 1939 erklärte der sowjetische Aussenminister Molotow, Finnland hätte gegenüber der Sowjetunion «kriegerische Absichten». Putin behauptet, die «Nazi»-Regierung in Kiew und die Nato wollten Russland in die Knie zwingen.
Keine Kriegserklärung
Am 30. November 1939 griffen die Sowjets Finnland an. Der «Winterkrieg» begann. Es gilt heute als gesichert, dass Stalin schon von Anfang an nicht nur Karelien, sondern ganz Finnland erobern wollte.
Moskau hat Finnland nie formell den Krieg erklärt. Auch Putin spricht nicht von «Krieg», sondern von einer «speziellen Militäroperation».
Mit schneller Eroberung gerechnet
Die Sowjets rechneten, wie jetzt die Russen, mit einem kurzen Eroberungskrieg. Der sowjetische General Merezkow, der von Stalin mit der Invasion beauftragt wurde, plante eine Operation, die nur wenige Wochen dauern sollte.
Stalin kritisierte die sowjetische Armee, die so lange brauche, um einen zahlenmässig klar unterlegenen Gegner zu bekämpfen. «Wenn wir für eine lange Zeit mit einem solch schwachen Gegner zu kämpfen haben, wird dies die antisowjetischen Kräfte der Imperialisten anstacheln», sagte er.
Vorstösse zurückgeschlagen
Die sowjetische Invasion wurde zur Verblüffung der Sowjets von den zahlenmässig weit unterlegenen Finnen aufgehalten. Den Finnen gelang es immer wieder, grossangelegte sowjetische Vorstösse zurückzuschlagen, so in Taipale, Summa oder in den Schlachten von Kollaa und bei Tolvajärvi.
Die russischen Invasionstruppen blieben immer wieder wegen schlecht gewarteten und ungenügenden Materials im finnischen Schnee stecken. Die agileren Finnen griffen zum Teil auf Skiern die Sowjets an. Nach dem Krieg bauten auch die Sowjets eine «Truppeneinheit auf Skiern» auf.
Unterschätzter Gegner
Immer deutlicher wurde, dass die Sowjets die Finnen unterschätzt hatten und an einen schnellen Sieg glaubten. Der sowjetische Geheimdienst hatte von der finnischen Armee ein Bild gezeichnet, das ganz und gar nicht der Realität entsprach. Unterschätzt wurde auch die Moral der finnischen Truppen.
Stalin erkannte die finnische Regierung nicht mehr an, sondern installierte eine kommunistische Gegenregierung. Er glaubte, die Regierung in wenigen Tagen wegputschen zu können. Auch Putin hatte die Absicht, Selenskyj zu stürzen und eine pro-russische Regierung einzusetzen.
Molotowcocktails
Am 14. Dezember wurde die Sowjetunion wegen des Angriffs auf Finnland aus dem Völkerbund ausgeschlossen. Russland bleibt zwar in der Uno, wird aber im Uno-Menschenrechtsrat suspendiert. Zudem werden in der Uno mehrere anti-russische Resolutionen verabschiedet.
Da es den Finnen an schwerem militärischem Material mangelte, füllten sie Flaschen mit Benzin ab und gingen so gegen die angreifenden Panzer vor. Der Ausdruck «Molotowcocktail» stammt aus dem finnisch-russischen Krieg und bezieht sich auf den damaligen sowjetischen Aussenminister.
Schwere sowjetische Verluste
Die Sowjets verloren in den ersten Kriegswochen – wie jetzt die Russen in der Ukraine – Tausende Soldaten und riesige Mengen an Panzern und anderem militärischem Material.
Finnische Historiker gehen davon aus, dass die Sowjets im Winterkrieg etwa eine Viertelmillion Mann verloren haben.
Desolate sowjetische Kriegsführung
Die Sowjets scheiterten aber auch an ihrer Kriegsführung. Wie jetzt die Russen in der Ukraine schickten die Sowjets ihre Infanterie ohne grosse Unterstützung durch die Luftwaffe und Panzer in die Gefechte. Diese mangelnde Koordination zwischen den Armee-Einheiten brachte den Finnen viele Vorteile.
Das militärische Material befand sich oft in einem erbärmlichen Zustand. Panzer blieben stecken, Funkgeriete funktionierten selten. Die Sowjets verloren im Krieg 800 Flugzeuge.
Schlechte Ausbildung
Dazu kam, dass ein Grossteil der sowjetischen Truppen mangelhaft ausgebildet war. Viele Soldaten stammten aus dem fernen Osten und konnten nicht einmal Russisch.
Auch der Ausbildungsstand vieler Offiziere war kläglich. Ein grosser Teil der Offiziere war der stalinistischen Säuberungswelle 1938 zum Opfer gefallen. Sie wurden jetzt durch unerfahrene Kräfte ersetzt. Auch die Piloten waren schlecht ausgebildet.
Stellungskrieg
Ende Dezember 1939 entwickelte sich der Krieg zu einem blutigen Patt. Weder den Sowjets noch den Finnen gelangen entscheidende Durchbrüche. Ähnliches geschieht jetzt im Donbass. Während dieser Zeit begann sich die sowjetische Armee neu zu organisieren.
Westliche Solidarität, westliche Waffen
Es gibt weitere Parallelen zwischen dem damaligen Finnland und der heutigen Ukraine. Finnland wurde von einer eigentlichen westlichen Solidaritätswelle erfasst. Die USA belegten die Sowjetunion mit einem «moralischen Embargo». In westlichen Ländern wurde an Benefizkonzerten Geld für die Finnen gesammelt.
Und vor allem lieferte der Westen Waffen. Schweden schickte 8000 freiwillige Soldaten, auch Piloten, ebenso 77’000 Gewehre, Munition und Flab-Geschütze. Auch Dänen, Norweger, Amerikaner und selbst Mussolini-Italiener zogen in den Kampf. Frankreich schickte 30 Kampfflugzeuge, die Briten Doppeldecker und die Italiener 18 moderne Fiat-Bomber.
Finnland bedauerte jedoch – wie jetzt die Ukraine –, dass es sehr lange dauerte, bis das westliche Militärmaterial eintraf. Eine aus 12’000 Mann bestehende britische Eingreiftruppe, die London entsenden wollte, wäre erst nach Kriegsende in Finnland eingetroffen.
Ende der Parallelen
Doch jetzt könnten die Parallelen zwischen dem finnisch-russischen und dem ukrainisch-russischen Krieg enden. Die Ukraine und die Nato kämpfen energisch dafür, dass der Krieg in der Ukraine nicht so ausgeht wie der Krieg in Finnland.
Nach vielen geschlagenen Schlachten waren die Finnen erschöpft. Die militärische Lage verschlechterte sich. Die sowjetische Übermacht war nun doch zu gross. Helsinki suchte jetzt Kontakte zur Sowjetunion.
Friedensvertrag
Am 13. März 1940 wurde in Moskau ein Friedensvertrag unterzeichnet. Finnland wurde gezwungen, einen grossen Teil von Karelien Russland abzutreten. Finnland verlor zehn Prozent seiner Industrie und seiner Agrarwirtschaft. Fast eine halbe Million Finnen und Finninnen flohen aus Karelien Richtung Westen, wo sie neu angesiedelt wurden.
Der Friedensvertrag löste in Finnland Bestürzung aus. Während drei Tagen wurden im ganzen Land die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Der finnische Präsident Kyösti Kallio, der den Vertrag unterzeichnen musste, sagte: «Möge meine Hand verdorren, die gezwungen ist, ein derartiges Papier zu unterschreiben.»
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1941 musste sich Finnland den Frieden erkaufen, indem es Karelien an die Sowjetunion abtrat. Wird die Ukraine den Donbass für einen Friedensschluss verlieren? Der Westen ist dabei, alles zu tun, um dies zu verhindern – mit realistischer Aussicht auf Erfolg. Sagen die westlichen Geheimdienste.