
Detlef Pollack legt eine kompakte Studie über Krisen und Chancen der westlichen Moderne vor. Er versteht diese als ein unabgeschlossenes Projekt, dessen Gelingen nicht selbstverständlich ist. Der Westen ist heute so stark unter Druck wie lange nicht.
An historischen, kultur- und geistesgeschichtlichen Studien über die Moderne herrscht wahrhaftig kein Mangel. Sie füllen ganze Bibliotheken. Doch weil wir Heutigen uns dieser Periode selber zurechnen und daher eine immer wieder veränderte Innensicht von der Epoche haben, muss das Nachdenken über die Moderne stetig aktualisiert werden.
Der Münsteraner Soziologe Detlef Pollack stellt sich dieser Aufgabe vor dem Hintergrund des aufwühlenden Zeitgeschehens, das viele Postulate und Errungenschaften der Aufklärung anscheinend über den Haufen wirft. So gilt es denn vielen als fraglich, ob die grossen Versprechen des globalen Projekts namens Moderne mehr seien als ungedeckte Checks. Die pathetischen Ansagen – der mündige Mensch, die freie Gesellschaft, die unablässige Verbesserung der Verhältnisse – können angesichts offener Verweigerung von Menschlichkeit und Verantwortung hohl klingen. Wer – wie der Verfasser des vorliegenden Buches das ausdrücklich tut – an der Vorstellung festhält, bei der Moderne handle es sich trotz aller Rückschläge um einen Prozess fortlaufender Aufklärung, der hat es heutzutage nicht leicht.
Ein menschheitsgeschichtliches Projekt
Pollack, der als Religionssoziologe ein solides Renommee geniesst, hat für seine knapp gehaltene Moderne-Studie die Form eines grossen Essays gewählt. Sein schmales Buch verwickelt die Leser in einen Diskurs, der zuerst ein breites Panorama des Projekts Moderne skizziert und dann im zweiten Teil auf dessen Erfolge und Krisen eingeht. Besonders in dieser kritischen Auslegeordnung bewährt sich die Profession des Autors: Als Soziologe ist Pollack es gewohnt, von Erfahrungen, Messungen und Daten auszugehen. Seine analytischen oder wertenden Aussagen formuliert er auf empirischen Grundlagen.
In den ersten drei von vier Kapiteln umreisst das Buch Erscheinungsformen und geistige Gehalte der Moderne. Das wird für historisch und philosophisch Informierte nicht durchwegs Neuigkeitswert haben. Doch auch sie dürften dieses kompakte und konzise Epochenbild mit Gewinn entgegennehmen. Pollacks verdichtete Darstellung hat den Reiz, die revolutionären Qualitäten dieser Ära in ihrer Gesamtheit sichtbar und verständlich zu machen. Indem der Gegenstand der Untersuchung als Projekt gekennzeichnet ist, wird klar, dass er unabgeschlossen und auf ein Ziel hin offen ist. Die westliche Moderne ist von menschheitsgeschichtlicher Relevanz, gerade weil sie stetig an der Verwirklichung ihrer Postulate zu arbeiten hat und einen konsensfähigen Erwartungshorizont humaner Entwicklung aufspannt.
Pollack entwirft seine Phänomenologie der Moderne auf einer breiten interdisziplinären Grundlage. Kultur-, wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtliche Befunde fliessen ebenso ein wie die Erkenntnisse seines eigenen Faches. Angesichts der herrschenden akademischen Spezialisierung ist es für einen Wissenschaftler nicht ohne Risiko, mit derart generalistischen Arbeiten an die Öffentlichkeit zu gehen. Pollack hat sich deshalb von Koryphäen beraten lassen. Im Dank am Schluss des Buches erwähnt er speziell die Aufklärungshistorikerin Barbara Stollberg-Rilinger, den Demokratietheoretiker Edgar Wunder und die Bildungs- und Geschlechterforscherin Anne Schlüter.
Die Moderne in der Kritik
Die Moderne ist nach Pollack «ein Projekt, das auf Krisen durch Umsteuern und Zurücknahme seiner Steigerungstendenzen reagieren kann, ohne deswegen den ihm eingeschriebenen Fortschrittsoptimismus aufgeben zu müssen». Diese Umschreibung trifft auch auf Pollacks Haltung den aktuellen Krisen gegenüber zu. Ob es um die Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten geht, ob er über Europas Probleme mit ungesteuerter Migration spricht, ob der grassierende Rechtspopulismus oder die sich verschärfende Klimakrise in den Blick kommt: Pollack beschönigt die an die Substanz der Moderne gehenden Missstände und Gefahren nicht, hält aber zugleich Ausschau nach korrigierenden Reaktionen oder zumindest nach Verhaltensmustern, in denen Gegenkräfte stecken könnten.
Doch nicht nur im Blick auf den aktuellen Weltzustand ist das Projekt der Moderne angegriffen. Seine ganze Geschichte steht in der Kritik. So haftet der westlichen Moderne das Odium an, sie habe ihren Reichtum und ihre Macht primär durch Unterdrückung ihrer eigenen Unterschichten und der Frauen sowie durch räuberische Ausbeutung der Natur und insbesondere der Kolonien erlangt. Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus gelten vielen als die eng miteinander verschränkten Ursünden des Westens.
Pollack anerkennt das geschehene und noch herrschende Unrecht: Die westliche Moderne hat von ihren Anfängen bis in die Gegenwart in grossem Umfang gewalttätig agiert. Obschon der Auseinandersetzung mit den oftmals pauschalen Verurteilungen nur das letzte von vier Kapiteln des Buches gewidmet ist, liegt der Zielpunkt des Essays eindeutig hier: Es geht dem Verfasser darum, die notwendige Debatte um das Projekt Moderne zu versachlichen. Um die Basis für die faire Auseinandersetzung zu legen, sind die drei beschreibenden Kapitel nötig, mit denen Pollack den Weg zur Kritik am Projekt Moderne bahnt.
Multiple Krisen
Ganz direkt in Frage gestellt sind die aufklärerischen Werte durch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Zu den neuen militärischen Bedrohungen hält Pollack fest, sie gingen von Mächten aus, die sich explizit als antiwestlich verstehen. Die Aggressoren hätten es verstanden, ihre Kriege in einen Kontext der Dekolonisierung zu stellen und dem angegriffenen Westen Imperialismus vorzuwerfen – was ihre Position wiederum für den nicht nur im globalen Süden, sondern auch im Westen verbreiteten postkolonialen Diskurs anschlussfähig mache.
Der Westen, so Pollack weiter, sei deshalb nicht nur global in der Defensive, sondern auch durch interne Auseinandersetzungen geschwächt und so in seiner Sicherheit von aussen wie von innen in Frage gestellt. Die westlichen Länder könnten sich nicht auf die Verteidigungsbereitschaft der eigenen Bevölkerung verlassen. – Pollacks Buch wurde vor dem Ausscheren Trumps aus dem westlichen Bündnis geschrieben; der Abschnitt zum Thema Sicherheit würde heute wohl noch drastischer ausfallen.
Zum Thema Klimakrise wartet Pollack mit Daten auf, die in den gängigen Diskussionen wenig präsent sind. So zeigt ein Vergleich der Veränderung von CO2-Emissionen von 2011 bis 2021, gesondert nach Weltregionen, dass diese in China (+15%) und vor allem in Indien (+36%) pro Kopf stark angewachsen, in den Staaten der westlichen Moderne aber je zwischen zehn und zwanzig Prozent zurückgegangen sind.
Pollack hierzu: «Wenn angesichts dieser Bilanz viele aus dem westlichen Gesellschaftsmodell aussteigen wollen, ist das wenig überzeugend.» Die ökologisch begründete Forderung nach einem Ausstieg aus der kapitalistischen Marktwirtschaft verkenne die in diesem System liegenden Kapazitäten der Selbstzähmung. Das ungelöste Problem sei nicht der Markt, sondern der Zeitdruck: Angesichts des überraschend schnellen Fortschreitens der Erwärmung ist es unsicher, ob das Umsteuern schnell genug gelingen wird; aber es wird nicht schneller gehen, wenn man auch noch das ganze System umzubauen versucht.
Bei der kritischen Beschäftigung mit der Bedrohung durch den Rechtspopulismus bewegt sich der Soziologe Pollack fachlich auf eigenem Terrain. Er hat in Deutschland hierzu auch selbst geforscht. Die häufig vorgebrachte These, Wähler der AfD seien typischerweise Modernisierungsverlierer – also Menschen mit Angst vor Statusverlust, mit niedrigen Einkommen und geringer Bildung – hat sich nach Pollack nicht bestätigt. Wichtiger sind aus seiner Sicht die Entfremdung gegenüber Staat und Demokratie, die Angst vor Überfremdung und eine Neigung zur Verharmlosung der NS-Zeit. Pollack: «Immer wieder erweist sich ein Dreiersyndrom aus Abwehr des Fremden, wahrgenommener Nichtanerkennung und Misstrauen gegenüber Institutionen als entscheidend für die Ausbildung populistischer Neigungen.»
Was die Chancen betrifft, Enttäuschte und Empörte aus ihrer Verweigerungshaltung herauszulösen und für die Demokratie zu gewinnen, ist Pollack nicht sehr optimistisch. Zwar hält er die Demokratie in Deutschland (noch) für stabil, aber das moderne Demokratieparadox – dass nämlich die Demokratie sich auch selber abschaffen kann – lasse sich grundsätzlich nicht überwinden.
Für Pollack sind Russlands Krieg gegen die Ukraine und die teils klar antiwestlichen Reaktionen bei manchen Staaten ein Schlüsselereignis: «Wer noch zweifelte, ob es ‘den Westen’ gibt, der kann diese Frage nun mit Blick auf die erklärte Gegnerschaft der autokratischen Staaten der Welt gegen die westliche Dominanz problemlos beantworten.» Was bei der Abfassung des Buches noch nicht eingetreten war, nämlich die Abwendung der USA von Europa und der Ukraine, führt allerdings zu einer noch brisanteren Scheidung der Geister: Es ist nicht mehr klar, ob die USA unter Trump noch zum dem Westen, den man kannte, gehören wollen.
Stabilisierende polyzentrische Struktur
Pollacks essayistischer Diskurs relativiert ein solches aktuelles Weiterdenken seiner Analyse. Es ist nämlich gerade die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften in Teilbereiche mit je eigener Logik, die eine Hegemonie einzelner Bereiche – also etwa der politischen Machtsphäre – verhindert. Vielmehr weise die Moderne eine polyzentrische Struktur auf, in der beispielsweise Macht, Recht, Geld, Beziehungen, Moral, Kultur und Wissen voneinander abhängig seien; und genau aus dieser Struktur resultiere ihre besondere Dynamik.»
Diese Verflechtung der Teilbereiche hat zur Folge, dass die Absolutsetzung von Teilinteressen stets ungewollte Folgen in anderen Teilbereichen zeitigt. Die Moderne hält so die Akteure dazu an, über die Grenzen ihrer Felder hinauszudenken und ausgleichend zu agieren: «Wer eine gute Klimapolitik betreiben will, muss darauf achten, dass die Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt; wer die Verteidigungsfähigkeit stärken will, darf die Belange der Entwicklungspolitik nicht ausser Acht lassen; wer die Infrastruktur ausbauen will, muss den Landschaftsschutz beachten; wer den Sozialstaat verschlanken will, muss bedenken, ob er damit nicht die Politik in Misskredit bringt usw.»
Nur in diesem schwierigen, oft mühsamen Beachten und Einbeziehen konkurrierender Belange und Interessen gelingt es, die grossen Erwartungen, mit denen die westliche Moderne gestartet ist, enttäuschungsresistent zu machen. Ihre unbestreitbaren Fehlentwicklungen bedeuten nicht, dass die Moderne falsche Erwartungen geweckt hätte. Idealistische Hoffnungen sind allerdings zweischneidig: Sie können Grosses vollbringen und Verderben bewirken. Aber sie können auch zu Lernprozessen führen, das Wahrnehmungsfeld erweitern und die Fähigkeiten des Ausgleichens trainieren.
Detlef Pollack: Grosse Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise. C. H. Beck 2025, 191 S.