Social Media
Gisela Blau

SVP: Schon wieder ein Rassist im Netz

Anonymität und das Gedächtnis des World Wide Web

Von Gisela Blau

Nach dem Zürcher «Kristallnacht-Twitterer» wurde ein weiterer subalterner SVP-Mann mit rassistischen Gewaltfantasien und einer antisemitischen Äusserung enttarnt.

Für Leute mit ausgeprägtem Selbstdarstellungstrieb sind die Plattformen der Social Media ein idealer Spielplatz, aber auch ein gefährlicher Sumpf vermeintlich ungestraft bleibender Gewaltphantasien. Eigen sind den Verfassern offenbar sehr oft ein eklatanter Mangel an Geschichtsbewusstsein und Geschichtskenntnissen, an politischem Gespür, das Fehlen der notwendigen Portion Selbstkontrolle sowie des Wissens darüber, dass das World Wide Web niemals etwas vergisst.

Im neuesten Fall steht der Schreiberling wohl zu seinen widerwärtigen Ausfällen gegen Ausländer und Asylsuchende, aber er will sich nicht erinnern, ob, wann und weshalb er eine Beleidigung von Juden mit einem der ältesten antisemitischen Klischees ins Netz gestellt habe. Und er behauptet zudem, diese Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen.

Was heisst hier Zusammenhang?

Schon das Zürcher SVP-Mitglied Alexander Müller versuchte sich vor einer Woche herauszureden, seine Twitter-Überlegung, «vielleicht brauche es eine neue Kristallnacht, diesmal gegen Moscheen», sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Nur: Was kann bei 140 Zeichen (maximale Länge eines «Tweet») schon aus dem Zusammenhang gerissen werden? Und Müllers unglaublicher Satz, der so tönt, als hätte es 1938 die Kristallnacht «gebraucht», war sogar nur etwa halb so lang.

Nun gibt es einen ähnlichen Fall, nicht auf Twitter diesmal, aber einmal mehr betrifft er einen subalternen SVP-Mann mit Ambitionen. Beat Mosimann (55), Besitzer einer Sicherheitsfirma im Kanton Solothurn, wurde am Sonntag von der Aargauer Sonntagszeitung «Sonntag» enttarnt. Der gelernte Mechaniker, später beim Grenzwachtkorps, dann Verkäufer, heute Inhaber einer Sicherheitsfirma für Verkehrs- und Objektschutz, empfahl vielfach auf Facebook, Asylsuchende standrechtlich zu erschiessen oder «optimal pigmentierte Neuzuzüger» sonstwie «über den Jordan zu befördern».

Aufgekündigte Freundschaft

Muslime sind für Mosimann «Schädlinge» zum «entsorgen». Er schlägt für den «Asyl-Tsunami» (als Alternative zum Erschiessen oder Entsorgen?) eine rigorose Unterbringung vor, mit 1000 Kalorien pro Tag, kalten Duschen, nach Geschlechtern getrennter Unterkunft zur «Minimierung der Replikation» und mit selbstgegrabenen Latrinen zur «sinnvollen Beschäftigung». Laut «Sonntag» gehört die halbe SVP-Führungsspitze zu den Facebook-Freunden des Möchtegern-Rambos aus der Provinz. Nationalrätin Natalie Rickli soll ihm die Freundschaft allerdings aufgekündigt haben, obwohl sie ihm noch vor einem Jahr «überschwänglich» zum Geburtstag gratuliert habe, meldete die Zeitung.

Dieses so einfältige wie gefährliche Geschwätz allein ist schon empörend genug. Aber der «Sonntag» fand im Forum polittalk.ch unter dem Pseudonym «Gletscherpilot» auch noch Mosimanns Behauptung von der «geschichtlich bedingten Unterwanderung der Finanzwelt durch die Juden».

Ende der Karriere

Beat Mosimann ist dem Partei-Ausschluss zuvorgekommen, wie es ihm gegenüber dem «Sonntag» der kantonale SVP-Präsident, Nationalrat Walter Wobmann (der Frontkämpfer gegen die Minarette), nahegelegt hatte. Noch am Samstagabend mailte Mosimann seinen Partei-Austritt an seine Kreispartei, und am Montagmorgen ging der formelle Brief mit der Austrittserklärung zur Post. Er wolle sich aus der Politik zurückziehen und nur noch ein paar Hobbys pflegen, sagte er am Sonntag. Damit geht seine politische Karriere zu Ende, bevor sie begonnen hat, denn eigentlich war Mosimann als Kantonsratskandidat für die Solothurner Wahlen vom März 2013 vorgesehen.

Im Gespräch am Sonntag konnte oder wollte sich Mosimann nicht erinnern, ob, wann oder in welchem Kontext er den Satz über die Juden geschrieben habe. Dieser sei sicher aus dem Zusammenhang gerissen. Jedenfalls müsse es lang her sein seither. «Ich bereue dieses Sätzlein, obwohl ich es nicht einordnen kann», beteuerte der Sicherheitsmann, der mit seinen Mannen schon mal Christoph Blocher bei einem Anlass beschützen durfte, obwohl Personenschutz nicht zu seinem Kerngeschäft gehöre, wie er sagte: «Diese Aussage entspricht nicht meiner Geisteshaltung.»

Verschwörungstheorien

Die Passagen «gegen die Islamisierung» habe er zu hart und zu pointiert geschrieben, gab er zu. Er würde sie «heute anders formulieren», behauptet er, «da muss ich jetzt die Konsequenzen tragen». Ob die Medienberichte vielleicht eine negative Wirkung für seine Firma hätten, könne er erst im Lauf der Woche feststellen. Strafrechtlich hat er allerdings - noch - nichts zu befürchten: Im Gegensatz zur Zürcher Staatsanwaltschaft, die im Fall Müller blitzschnell reagierte und nun abklärt, ob der Straftatbestand des Rassismus erfüllt sei, sieht die Solothurner Staatsanwaltschaft laut «Sonntag» bisher noch keinen Handlungsbedarf.

Mosimann versucht sich in Verschwörungstheorien: Nach der «unglücklichen» Aussage seines Parteikollegen Müller habe man nun über ihn recherchiert, das könne kaum ein Zufall sein. Und er beteuert ein über das andere Mal, dass er sich «in aller Form bei allen jüdischen Gemeinden» entschuldige.

Kommentare

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Medien solche Äusserungen aufdecken. So traurig diese Äusserungen auch sind, sie haben immerhin den Vorteil, dass sie aufzeigen, in welche Richtung sich diese Partei und ihre Anhänger entwickelt haben. Hier sieht man auch deutlich, dass die Schweiz einen naiven Umgang mit dem Nationalsozialismus hegt. In Deutschland wäre unsere grösste Partei, spätestens seit ihren Stürmer-Plakaten, wohl längst unter Beobachtung. Hier aber dürfen ihre Mitglieder und Politiker braune Blüten treiben und werden vom Volk noch belohnt. Ratlosigkeit macht sich breit bei mir. Ach... und die Staatsanwaltschaft sieht keinen Handlungsbedarf? Wo leben wir hier eigentlich?

Man kann auch Leute für ihren engen Horizont diskriminieren, und für ihren Mut, ihr Recht auf freie Meinungsäusserung beansprucht zu haben.

Wenn ein Kosovare im Streit zum Messer greift, sind gleich alle Kosovaren Messerstecher. Wenn ein Problem mit wenigen kriminellen Flüchtlingen besteht, sind gleich alle Fremden kriminell. Wenn aber verschiedene SVP Lokalpolitiker durch rassistische und menschenverachtende Kommentare auffallen, dann sind dass plötzlich bedauerliche Einzelfälle? Die gezielten Hetzkampagnen der hellbraunen SVP Parteioberen zeigt langsam ihre Wirkung und wenn diese Partei bei ihren eigenen Kriminellen, wie immer, am liebsten wegschauen möchte, ist die SVP mitsamt den Anhängern, die so etwas noch gut heissen, an Verlogenheit kaum mehr zu überbieten!

jahrelang wurde der ton immer schön angezogen - schritt für schritt wurden die leute radikalisiert und mit immer grässlicheren plakatkampagnen und rethorischen hasstriaden scharf gemacht - nun geht die saat auf, die man jahrelang gepflegt hat - von alle dem wollen dann aber die herren die diesen stil massgeblich zu verantworten haben nichts gesehen, gelesen oder gehört haben. ich frage mich einfach wann hat auch der "normale" heimatverbunden nicht rechtsradikale bürgerlich gesinnte svp-wähler genug von dieser schmierenkomödie und wählt diese truppe der ewig gestrigen endlich aus den ämtern?

Wir sollten uns unbedingt erinnern, in welche Partei hinein sich die ehemaligen rechtsextremen Grüppchen "entsorgt" haben! Die Bürgerlichen waren ihre Sorgen los - nun gedeihen einige Pflänzchen trotzdem auf dem SVP-Pflaster...

Es ist so wie bei der CSU. Das braune tropft dann halt einfach irgendwo heraus...

Antisemitismus, Rassismus, Xenophobie, Sexismus, Antihomosexualität müssen in jeder Generation neu therapiert werden. Weil sie aus der bürgerlichen Familie kommen. Denn die hat: Das gleiche Blut, die verkorkste Sexualität, den gleichen Vater, die gleiche Mutter, die gleiche Sprache, das gleiche Territorium und ist homophob...

Seinen Hobby`s widmen? Ich würde wetten, es heisst schiessen. Die Problematik eines Charakters ist immer auch in seinem Umfeld zu suchen. Vom Kind bis hin zum Erwachsenen, geprägt durch das Verhalten und die Weltsicht der Erziehenden und Lehrer. Mangelndes Selbstwertgefühl begleitet von Ängsten und den verzweifelten Versuch sich einzureden, dass andere Menschen noch wertloser sind als man selbst, bastelt man Feindbilder. Die sind an allem Schuld und müssen bekämpft werden. Das Schlimme daran ist, dass heutzutage auch grosse Regierungen sich nicht mehr scheuen uns auf bestimmte Feindbilder anzusetzen um dadurch ihre Untaten zu verschleiern. Also sind diese Leute in " guter " Gesellschaft!? Der SVP kann man nur raten, wirksame Filter einzubauen. Eines ist sicher, Radikalität zieht immer Leute an, die Gewalt als Lösung bevorzugen. SVP...Helft euch selbst sonst zerstört ihr euch selbst. Das wäre doch schade .....oder nicht?

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