Banken schwimmen in Gratisgeld von den Notenbanken. Die Bonus-Raffgier der oberen 10 000 Mitarbeiter hat sich vom Geschäftsergebnis völlig abgekoppelt. Selbst der bösartigste Bankenkritiker könnte sich das UBS-Modell, 2,5 Milliarden Verlust gleich 2,5 Milliarden Bonus, nicht ausdenken. Aber unermüdlich wird wiederholt, dass man aus Fehlern der Vergangenheit gelernt habe. Das Wichtigste bei Geldgeschäften, das Vertrauen der Kunden, wiedererlangen wolle, transparenter geworden sei. Worte ohne Wert. Bereits zweimal, 2006 und Ende 2012, hat das oberste Schweizer Gericht glasklar geurteilt, dass jede Form von Rückvergütung, also Kommissionen, Retrozessionen, Kick-backs usw. dem Kunden auszuweisen und auszuhändigen sei. Aber wie reagieren die meisten Banken? Sie sagen: Pfeif drauf. Sie lassen Kunden im Kleingedruckten versteckte Geschäftsbedingungen unterschreiben, dass sie darauf «freiwillig» verzichten. Sie erfinden eine Verjährungsfrist für solche Forderungen von fünf Jahren. Sie sagen: Wenn dir das nicht passt, klag uns doch nochmal ein. Dann sehen wir uns vier Jahre und Zehntausende Franken Gerichtskosten später nochmals vor dem Bundesgericht wieder. Ist Widerstand zwecklos? Nein. Öffentlicher Druck und juristische Schritte wirken. Wie ubs-opfer.ch beweist. Denn dann fangen Banken an, den Reputationsschäden zu berechnen, auch dafür gibt es Formeln. Und tun, was sie am meisten schmerzt: Sie geben Geld zurück. Das ihnen nicht gehört. Obwohl das gegen ihre Raison d’être verstösst. (René Zeyer)
Sprach-Akrobatik [56]
Verräterische Sprache
Falls Sie das perfekte Verbrechen oder sonst eine krumme Tour planen, die polizeiliche Nachforschungen nach sich ziehen könnte, sollten Sie auf Ihre Sprache achten. Das legt ein Artikel mit dem Titel „Words on Trial“ nahe, auf den ich unlängst im „New Yorker“ gestossen bin (Ausgabe vom 23. Juli 2012).
Darin wird von einem schauerlichen Mordfall in der Stadt Columbia, Illinois berichtet: Chris Coleman, Angestellter eines privaten Sicherheitsdienstes, hatte Freunden und Bekannten berichtet, dass er und seine Familie via E-Mails Todesdrohungen von einem anonymen Verfolger bekämen. Um das Gefahrenrisiko zu vermindern, hatte er bei seinem Nachbarn eine Überwachungskamera einrichten lassen, um so die Eingangsseite seines Hauses beobachten zu lassen. Eines Morgens rief Coleman seinen Nachbarn von auswärts an und sagte, er sei beunruhigt, weil seine Telefonanrufe zu Hause nicht beantwortet würden. Der Nachbar schaute in Colemans Haus nach und machte eine grausige Entdeckung: Colemans Frau und ihre beiden Söhne lagen erwürgt in ihren Betten. An den Wänden und auf den Betttüchern waren mit roter Farbe Graffitti gesprüht wie „Fuck you!“ und „U have paid!“ Der Mörder war offenkundig durch die Hinterseite ins Haus eingedrungen.
Wegen des Verdachts, dass er selber die Bluttat begangen hatte, kam es zum Prozess gegen Coleman. Ein Geschworenengericht fand ihn im vergangenen Jahr für schuldig und der Richter verurteilt ihn zu drei lebenslänglichen Gefängnisstrafen. Der Angeklagte wurde entscheidend durch die Analyse eines Linguisten belastet, der die Graffiti des Mörders mit 221 E-Mails verglich, die Coleman geschrieben hatte. Der Sprachexperte stellte unter anderem fest, dass die Abkürzung „U“ für „you“ zwar häufig in SMS-Botschaften verwendet wird, selten jedoch in E-Mail-Texten. In Colemans E-Mails kommt die Abkürzung häufig vor. Coleman setzte den Apostroph in seinen E-Mails in den Wort-Zusammenzügen „doesn’t“ und „can’t“ regelmässig an die falsche Stelle (nämlich ans Ende des Wortes) - genau wie der Mörder bei seinen Graffitis.
Auch der berüchtigte „Unabomber“, der in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die USA mit tödlichen Briefbomben an Wissenschafter in Aufregung versetzt hatte, konnte laut dem Artikel im „New Yorker“ dank Indizien verhaftet werden, bei denen sprachliche Eigenheiten eine wesentliche Rolle spielten. Der „Unabomber“ hatte 1995 ein episches „Manifest“ mit dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ an verschiedene Adressaten verschickt. Eine minutiöse vergleichende Untersuchung von Syntax, Wortwahl und weiteren linguistischen Mustern mit andern Texten führte Sprachwissenschafter zu der Überzeugung, dass der Autor dieses anarchistischen „Manifests“ der einzelgängerische frühere Mathematik-Professor Ted Kaczynsky sein musste, der seit Jahren in einer selbst gezimmerten Holzhütte in den Bergen von Montana lebte. Er wurde 1998 zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Laut dem Artikel im „New Yorker“ sind solche Sprachuntersuchungen (amerikanisch: Forensic Linguistics oder FL) ein expandierendes Spezialgebiet bei der Verfolgung von Kriminalfällen. Den bei solchen Untersuchungen herangezogenen Datenbergen scheinen umso weniger Grenzen gesetzt, je inflationärer wir als fleissige Kommunikatoren über elektronische Kanäle wie E-Mails, Voice Mails, SMS, Tweets usw. unsere Spuren für mögliche Sprach-Detektive hinterlassen. Also aufgepasst bei all diesen schönen neuen Aktivitäten!
R. M.






















