In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [47]
Wörter nur noch als Beigabe zu den Bildern?
In der „New York Times“ war unlängst zu lesen, im Zeitalter der zunehmend dominierenden Bilder und der Visualisierung aller möglichen Kommunikationsbereiche spielten die Wörter immer häufiger nur noch eine Nebenrolle. Man könne allgemein sagen: Mehr Bilder, weniger Text. Als gewichtiges Indiz für diesen Trend nannte die Autorin den Umstand, dass in diesem Jahr zum ersten Mal seit 35 Jahren kein Pulitzerpreis für Fiction (also Literatur) vergeben worden ist.
Ob diese letztere Tatsache wirklich die schrumpfende Bedeutung der Sprache signalisiert, daran kann man seine Zweifel hegen. Eher belegt die Nichtvergabe eines Pulitzer-Preises für Literatur die Unfähigkeit des zuständigen Komitees, sich auf einen Preisträger zu einigen. Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass Bilder heute in den öffentlichen Medien eine ungleich mächtigere Präsenz haben als noch in der jüngsten Vergangenheit. Man vergleiche nur das optische Erscheinungsbild einer NZZ, FAZ oder „New York Times“ von heute mit demjenigen vor zehn, fünfzehn Jahren.
Aber sollen solche optischen Veränderungen tatsächlich bedeuten, dass das Wort zu einer zweit- oder gar drittrangigen Grösse herabsinkt oder schon herabgesunken ist? Der Schreibende hält das für kulturpessimistischen Unsinn. Lassen wir mal einen Moment lang die schnelllebigen und stets hinter dem angeblich neuesten Trend her hechelnden Medien, die sich um die Tagespolitik kümmern, beiseite.
Wenn das Wort gegenüber den Bildern an Einfluss, Gewicht, Prägungskraft und Verbreitung an Rang verloren haben soll – weshalb werden denn weiterhin Jahr für Jahr immer mehr Bücher gedruckt oder als E-Books produziert - und offenbar zu einem grossen Teil auch gekauft? Weshalb breitet sich die wild wuchernde Blogger-Szene, die ja in erste Linie mit Wörtern und nicht mit Bildern arbeitet, rund um den Erdball aus? Und wer will behaupten, die grossen Werke der Weltliteratur oder der Philosophie – von der Bibel bis zum Koran, von Homer bis Dante, Shakespeare, Schiller, Proust, Kafka, Tolstoi, Hemingway, Hesse und Gabriel Garcia Marquéz würden heute rein zahlenmässig weniger gelesen, studiert und geschätzt als in früheren Zeiten?
Ein Blick etwa auf die aktuellen Auflagezahlen solcher Autoren müsste diejenigen, die die Verdrängung der Wörter und ihrer spezifischen Macht, Ausstrahlung und Nachhaltigkeit durch die Bilderflut prophezeien, nachdenklich stimmen.
Die Bilder mögen zahlen- oder platzmässig die Wörter und die sprachlichen Ausdrucksformen der öffentlichen Kommunikation allmählich überflügeln – bewiesen ist das übrigens noch nicht. Dass sie aber je den Stellenwert der Wörter als Instrument der Bewusstseinsbildung, als Träger und Vermittler des zivilisatorischen Diskurses und des geistigen Gedächtnisses der Menschheit erreichen könnten, kann ich mir nicht vorstellen. Vorläufig also kein Grund, diese Sprachkolumne abzuschaffen!
R. M.






















