In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [44]
Heisst es "Alptraum" oder "Albtraum"?
Der Literaturprofessor fragt seine Studentinnen und Studenten: „Was ist ein Alb?“ Niemand weiss es.
Jetzt zeigt der Professor das Bild einer jungen Frau. Sie schläft tief mit leicht geöffnetem Mund. Angsterfüllt wälzt sie sich; sie fällt fast aus dem Bett. Auf ihrer Brust hockt ein unsympathisches zwergartiges Wesen, halb Mensch, halb Tier.
Was hier frech auf einer schönen Frau sitzt, ist ein Alb. Das Bild wurde 1802 vom schweizerischen Maler Johann Heinrich Füssli gemalt, der lange Zeit in England lebte.
Es ist die berühmteste Illustration dieser komischen Kreaturen, die jahrhundertlang in den Volksseelen lebten. Mal waren diese germanischen Geister friedliche, lustige Zwerge, mal waren sie böse Naturgeister. Auch die katholische Kirche nahm sich ihrer an und stellte sie als Abgesandte des Teufels dar: mit Hörnern und Schwanz. In der Zeit der Romantik jedoch waren sie liebliche Elfen.
Die Ausdrücke "Elben, Elfen" leiten sich vom Wort "Alb" ab. Ein alter Name dafür ist "Nachtmahr". So heissst auch das Bild von Johann Heinrich Füssli. Immer, in welcher Form diese Wesen auch auftreten, sitzen sie in der Nacht auf der Brust der Schlafenden. Sie drücken auf den Brustkorb und lösen schwere, bedrohliche, angstvolle Träume aus. Träume also, die der Alb verursacht: Albträume.
Wieso sagen dann die meisten deutschsprachigen Menschen und Zeitungen „Alptraum“ statt „Albtraum“. Weil „Alb“ wie „Alp“ ausgesprochen wird und weil die meisten die ursprüngliche Bedeutung nicht kennen.
Der Professor, von dem hier die Rede ist, fragt jetzt seine Studentinnen und Studenten, ob man heute „Alptraum“ oder „Albtraum“ sage. Eine junge Frau blätterte schnell im Duden und sagt: „Alptraum mit –p“. Doch die junge Frau besitzt einen alten Duden. Bis Mitte 1998 lässt die Rechtschreibe-Bibel eine einzige Form zu: „Alptraum“ mit –p.
Seit der Rechtschreibereform, die im August 1998 in Kraft trat, sind beide Formen möglich und richtig: Alptraum und Albtraum. Was eigentlich ein Unsinn ist und nur weitere Verwirrung stiftet.
Die Schreibreformer, die uns so viel Gutes und so viel Unsinniges brachten, hätten die Möglichkeit gehabt, den Ursprung des Wortes zu respektieren und nur „Albtraum“ mit –b zuzulassen. Doch der Duden richtet sich eben auch nach dem, was sich im Sprachgebrauch breitgemacht hat.
So schreiben denn grosse und weniger grosse Zeitungen weiterhin „Alptraum“ mit – p und andere grosse und weniger grosse mit –b. Bei der NZZ, der FAZ und der Süddeutschen heisst es „Albtraum“, beim Spiegel „Alptraum“.
Doch mit einem Traum auf der Alp hat der Albtraum wahrlich nichts zu tun.
(hh)























