Wer jemandem Unrecht getan hat, sollte sich entschuldigen und/oder eine Entschädigung leisten. Im Falle der Verdingkinder und anderer Opfer administrativer Zwangsmassnahmen hat Frau Sommaruga dies unlängst im Namen des Bundesrates getan: Sie hat sich entschuldigt, von finanzieller Entschädigung hingegen wollte sie nichts wissen und schlug stattdessen einen Runden Tisch vor. Davon wiederum halten die ehemaligen Verdingkinder wenig. Zu lange warten sie schon. Jetzt wollen sie nicht nur symbolische Gesten, jetzt wollen sie Taten sehen. Und das heisst: Geld, auch wenn Geld seinerseits nach all den Jahren nicht viel mehr als symbolische Bedeutung haben kann. Erlittenes Leid lässt sich nicht mit Geld aufwiegen. Aber es bedeutet Anerkennung: Anerkennung des Unrechts und Anerkennung geleisteter Arbeit. Behörden und Gesellschaft haben jahrzehntelang von der Ausbeutung dieser Kinder profitiert. Nun wäre es an der Zeit, denen, die noch leben, zurückzugeben, was ihnen zusteht. Irland hat 1,28 Milliarden Euro an ehemalige Heimkinder bezahlt. Die Schweiz sollte sich an Irland ein Beispiel nehmen. (Klara Obermüller)
Aus dem Fotoarchiv von Georg Gerster

Die „Bienenkörbe“ der Bungle Bungle Berge, das Herzstück des Purnululu Nationalparks in Westaustraliens Kimberleys, gehören nachgerade zu den nationalen Ikonen. Allerdings ist der Purnululu-Park sogar den meisten Australiern lediglich von Abbildungen her bekannt. Er ist abgelegen und nur mit Vierradantrieb, Kleinflugzeug oder Helikopter erreichbar; zudem macht ihn die Parkverwaltung jeweils im ersten Quartal des Kalenderjahrs, während der Regenzeit im Südsommer, dicht. Und auch in der Trockenzeit blockieren mitunter Buschfeuer den Zugang. „Purnululu“ bedeutet in der Sprache der Ureinwohner „Sandstein“. Die Bungle Bungles erheben sich auf 450 qkm um bis zu 300 m über das Umland; die Erosion hat die einstige Hochfläche aus kieseligem Sandstein mit steilwandigen Schluchten durchfurcht und in Hunderte von Kegeln, Türmen, Kuppeln und Höckern, die „Bienenkörbe“ eben, zerschlissen. Die Felsformationen sind waagrecht gestreift, orange Bänder wechseln mit dunkelgrauen ab. Nur schon die bizarre Schönheit dieser Landschaft empfiehlt sie für einen Platz auf der Liste des Welterbes. Geologen haben freilich noch triftigere Gründe: der Bungle Bungle Gebirgszug ist als Kegel-Karst in Sandstein weltweit einzigartig. Karstbildung setzt chemische Lösungsprozesse voraus. Der Sandstein im Purnululu Park ist mürb, Besuchern ist Klettern untersagt. Die Streifen – feuchtere Schichten mit schwärzlicher Flechtenkruste, härtere Schichten mit oranger Eisen- und Kieselverfärbung – sind dekorativ, aber nicht nur. Wie Fassreifen die Dauben halten sie im Fall der Kegel und Türme den bröckeligen Sandstein zusammen. Ein Naturwunder also. Dabei wollte es Australien freilich nicht bewenden lassen. Es bewarb sich um die Auszeichnung des Purnululu Nationalparks als Kulturlandschaft. Die Ureinwohner, so die Begründung der Nominierung, erleben die spektakuläre Landschaft sozusagen kultisch – als lebendige Verkörperung ihrer Kosmogonie und ihres Glaubenssystems, Ngarrangkarni („Träumen“). Die religiöse Beziehung der Menschen zu ihrem Land bestimmt die Landnutzung. Die Ureinwohner verstehen die Wirkung der Jahreszeiten auf das Nahrungsangebot und greifen schonend in ökologische Abläufe ein durch kontrollierte Buschfeuer, selektives Jagen und Sammeln, Essverbote und -gebote sowie religiöse Rituale. Kurz: sie nützen ihren Lebensraum nachhaltig. In dem Bericht von der beispielhaften Urbevölkerung feiert der „edle Wilde“ fröhliche Urständ. Ein Problem gibt es freilich: im Purnululu Park leben zurzeit fast keine Ureinwohner mehr. Die Gründung des Parks 1987 hatte zum Ziel, das überweidete Gras- und Buschland rings um die Bungle Bungle Berge vor weiterer Auszehrung zu retten. 25 000 Rinder und 4 000 Esel wurden ausquartiert; auch die Ureinwohner, die nachweisbar hier 20 000 Jahre lang gesiedelt und gewandert hatten, wurden ausgesperrt. Präsent blieben sie nur in zahlreichen Felsbildstationen und vormaligen Kultplätzen. Jetzt will man zurückbuchstabieren, auch wenn es dabei vielleicht mehr um einen Tribut an politische Korrektheit als um Einsicht geht. Der Park soll nach Möglichkeit nicht ohne Ureinwohner sein. Sie sind im Park Council, einem Steuerungsgremium, vertreten. Ihre ökologische Expertise, vor allem beim Management von Buschfeuern, wird geschätzt. Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) hatte mit der Nomination als Naturwunder keine Mühe. Dagegen zeigte sich die Internationale Interessenorganisation der Denkmalpfleger (ICOMOS) bei der Beurteilung des kulturellen Aspekts skeptisch. Einige Alibi-Ureinwohner im Park machen doch aus diesem keine lebende Kulturlandschaft. Sie schob ihre Zustimmung auf die lange Bank. Und empfahl der Unesco gleichzeitig, den Park nur als gemischtes Gut, als ein Natur- und ein Kulturdenkmal zu berücksichtigen. Diesen Rat schlug das Welterbekomitee freilich aus. So zog der Purnululu Nationalpark 2003 als ein Naturwunder mit Kulturvorbehalt in das Pantheon des Welterbes ein. – Jahr des Flugbilds: 1994 (Copyright Georg Gerster/Keystone)

Der Flugbild-Pionier zeigt uns die Welt von oben.
Besonders beindruckend ist der Bildband von Georg Gerster mit dem Titel "Flug in die Vergangenheit" (2003)

Zur Person
Der Winterthurer hat als freier Publizist in einem halben Jahrhundert die Luftaufnahme zum Flugbild veredelt. Die in 3500 Flugstunden über 111 Ländern und den sechs Erdteilen gewonnenen Bilder sicherten ihm jahrzehntelang eine Präsenz in der NZZ („Das Wochenende“), im National Geographic Magazine und in der Plakatwerbung der Swissair. Gerster sieht das Flugbild als philosophisches Instrument, als Werkzeug des Nachdenkens: aus der Höhe sieht man nicht nur, was ist, sondern ebenso, was sein könnte – das Inventar unserer Chancen. Der 85-Jährige lebt in Zumikon und bemüht sich, in der selbst gemachten Bilderflut nicht zu ertrinken.
Gersters Bibliographie verzeichnet drei Dutzend Bücher. 2012 sind zwei weitere dazu gekommen – „Ancient Iran from the Air“ (Philipp von Zabern Verlag, Mainz) und „The Sites of Ancient Greece“ (Phaidon, London).























