Banken schwimmen in Gratisgeld von den Notenbanken. Die Bonus-Raffgier der oberen 10 000 Mitarbeiter hat sich vom Geschäftsergebnis völlig abgekoppelt. Selbst der bösartigste Bankenkritiker könnte sich das UBS-Modell, 2,5 Milliarden Verlust gleich 2,5 Milliarden Bonus, nicht ausdenken. Aber unermüdlich wird wiederholt, dass man aus Fehlern der Vergangenheit gelernt habe. Das Wichtigste bei Geldgeschäften, das Vertrauen der Kunden, wiedererlangen wolle, transparenter geworden sei. Worte ohne Wert. Bereits zweimal, 2006 und Ende 2012, hat das oberste Schweizer Gericht glasklar geurteilt, dass jede Form von Rückvergütung, also Kommissionen, Retrozessionen, Kick-backs usw. dem Kunden auszuweisen und auszuhändigen sei. Aber wie reagieren die meisten Banken? Sie sagen: Pfeif drauf. Sie lassen Kunden im Kleingedruckten versteckte Geschäftsbedingungen unterschreiben, dass sie darauf «freiwillig» verzichten. Sie erfinden eine Verjährungsfrist für solche Forderungen von fünf Jahren. Sie sagen: Wenn dir das nicht passt, klag uns doch nochmal ein. Dann sehen wir uns vier Jahre und Zehntausende Franken Gerichtskosten später nochmals vor dem Bundesgericht wieder. Ist Widerstand zwecklos? Nein. Öffentlicher Druck und juristische Schritte wirken. Wie ubs-opfer.ch beweist. Denn dann fangen Banken an, den Reputationsschäden zu berechnen, auch dafür gibt es Formeln. Und tun, was sie am meisten schmerzt: Sie geben Geld zurück. Das ihnen nicht gehört. Obwohl das gegen ihre Raison d’être verstösst. (René Zeyer)
Ächzen - Stöhnen - Gold
Von Peter Achten, Peking
Ein wahrer Goldregen ergiesst sich in London über das chinesische Team. Für die chinesischen Medien, die Partei und die Regierung ein gefundenes Fressen: "Wir sind wieder wer - auch sportlich!"
Wie in der Wirtschaft und der Machtpolitik ist auch in diesem Bereich Amerika das Mass aller Dinge, an dem sich die Chinesen messen. Schon der Grosse Steuermann und Visionär Mao Dsedong strebte mit dem „Grossen Sprung nach vorn“ (1958-61) nach Höherem und wollte in einer Sonderanstrengung die westlichen Industrienationen ein- und überholen. Das ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil. Er verursachte die grösste Hungersnot der Weltgeschichte mit über 45 Millionen Toten.
Heute nach über dreissig Reformjahren ist natürlich alles anders. China ist Export-Weltmeister und seit zwei Jahren vor Japan und weit hinter den USA die Wirtschaftsmacht Nummer 2. Sportlich gesehen hat das Reich der Mitte an den Olympischen Spielen in Peking 2008 die Sport-Supermacht USA übertrumpft.
Täglicher Medaillenspiegel
Vor den Londoner Spielen nun wurden, taktisch geschickt, die Erwartungen von den chinesischen Sportfunktionären gedämpft. Schliesslich kämpften die chinesischen Athletinnen und Athleten vor vier Jahren in Peking, hatten also ein Heimspiel. Ein Blick zur Halbzeit auf die Ergebnisse zeigt, dass für die chinesische Olympia-Mannschaft ein neuer Medaillen-Rekord drin liegt, ja dass die USA auf die Plätze verwiesen werden könnten.
Fein säuberlich wird deshalb täglich der Medaillen-Spiegel in den Medien prominent plaziert. Die grosse Hoffnung: zum zweiten Mal den grossen Gegner schlagen und, noch wichtiger, diesmal ohne Heimvorteil. So nämlich wäre endgültig erwiesen, dass das chinesiche System dem westlichen überlegen ist. Im Sport und darüber hinaus. Im Alltag jedenfalls lässt sich unschwer feststellen, dass Chinesinnen und Chinesen mächtig stolz sind auf den Edelmetall-Regen in London, stolz aber auch auf Chinas Leistung insgesamt.
Verkörperung der nationalen Ehre
Die von Renmin Ribao, dem Sprachrohr der Partei, herausgegebene Tageszeitung Global Times fragt in einem Kommentar rhetorisch: „Ist die Obsession mit den Goldmedaillen schlecht für den nationalen Charakter?“. Die Antwort: Teilnehmen sei zwar sehr wichtig, aber der Wille zum Sieg sei Teil der menschlichen Natur. Infolgedessen sind „Medaillen die Verkörperung der Nationalen Ehre“.
Zur Erklärung der Begeisterung und des Überschwangs wird angefügt: „Es gibt historische Gründe, warum China den Gold-Medaillen so grosse Bedeutung zumisst“. Zum ersten Mal nahm China 1932 an den Olympischen Spielen in Los Angeles teil zu einer Zeit, so zu Recht der Kommentator der Global Times, als China international als „Kranker Mann Asiens“ galt. Die erste Medaillen holte sich China 1984 in Los Angeles. Zuvor während den Mao-Jahren galt im Sport nicht das olympische Motto „Citius, Altius, Fortius“ (schnelle, höher, stärker) sondern die „völkerverbindende“ Formel „Freundschaft zuerst, Wettbewerb später“.
Orgie des Nationalismus
Das alles tönt nach Propaganda. Doch in welchem Land ist es anders? Was für ein Ächzen und Stöhnen ging denn durch die Schweiz, – fein orchestriert durch die elektronischen Medien sowie von Boulevard- und sog. Qualitätszeitungen – bis die erste Gold-Medaille in London endlich im Trockenen war. Siegreiche Athletinnen und Athleten jeder Nation greifen gleich nach dem Sieg zur bereitgehaltenen Landesfahne. Bei der Siegerehrung mit Fahnenaufzug und Landeshymnen kullern die Tränen. Eine Orgie des Nationalismus, ja des Chauvinismus unter der Aegide der Ehrenwerten Gesellschaft, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Und die Medien machen weltweit kritiklos mit. Motto: Friede, Freude, Eierkuchen.
Olympische Spiele sind, geht es nach dem IOC, auch „saubere Spiele“. Schliesslich gelobt jeder Athlet und jede Athletin im Olympischen Eid sich „einem Sport ohne Doping und Drogen“ zu verpflichten. Der britische Radfahrer und Zeitfahr-Weltmeister David Millar – ertappt 2004, verhaftet und gesperrt – sowie der amerikanische 100-Meter-Olympiasieger von Athen 2004 Justin Gatlin – zweimal erwischt und gar vier Jahre gesperrt – sind in London wieder dabei und schworen wie die übrigen 10'000 Sportlerinnen und Sportler den Olympischen Eid. Wieviele Meineide gen Himmel stiegen, werden wir, wie immer bei grossen Sportveranstaltungen, erst im Nachhinein erfahren.
Verdächtige Rekorde
Das IOC, etwa so vertraunswürding wie die FIFA, verspricht hoch und heilig, alles nur Mögliche gegen Doping vorzukehren. Insgesamt 5'000 Blut- und Urintests, rund 400 täglich, werden veranlasst. Doch schon zu Beginn munkelten dunkel hinter vorgehaltener Hand Mannschaftsfunktionäre verschiedener Länder von Doping. Natürlich war China, wo Sport Chefsache, d.h. Staatsangelegenheit ist, eine geeignete Zielscheibe.
Und es kam, wie es kommen musste. Die im Ausland völlig unbekannte 16 Jahre alte Schwimmerin Ye Shiwen holte sich in 400-m-Lagen die Goldmedaille in Weltrekordzeit. Dass Ye auch in 200-m-Lagen Gold gewann, veranlasste dann einen amerikanischen Mannschaftsfunktionär dazu, den Doping-Verdacht öffentlich zu artikulieren. Dumm nur, dass er zu jenem Zeitpunkt nicht wissen konnte, dass später die 15 Jahre alte amerikanische Schwimmerin Katie Ledecky Gold im 800-m-Crawl und die 17 Jahre alte Amerikanerin Missy Franklin Gold in 200-m- und 100-m-Rücken sowie in der 4 mal 200-m-Staffel holen sollte.
Die Amerikaner essen zur Verbesserung ihrer Leistungen wohl nur Hamburger von bestem Texas-Beef, die Japaner Steaks von handmassierten Koberindern, die Chinesen handgefertigte Nudeln und Baozi oder die Kubaner trinken lässig einen Mojito, während die Schweizer ganz auf Schoggi-Doping setzen. Und unser aller Roger? Er dopt sich mit einer Substanz, die noch nicht auf der Liste der Anti-Doping-Behörde, des IOC, der FIFA oder des Eidg. Schwingerverbandes aufgetaucht ist: Basler Läckerli.






















